Blog für die zweite Lebenshälfte

Blog für die zweite Lebenshälfte

Archiv für Februar, 2011

28. Februar 2011
Normal: alte Männer … gestalten ihre Welt

Innerhalb von 10 Minuten waren heute morgen zwei Männer über 80 in den Radioschlagzeilen: in Tunesien soll ein 84-jähriger das Land zu demokratischen Wahlen führen. In New York hat der 82-jährige Stararchitekt Frank Gehry der Skyline der traumatisierten Stadt ein neues Gebäude hinzugefügt und damit, so die FR-online, der Stadt die “Wiederentdeckung der Leichtigkeit und Verspieltheit” zurückgegeben. (“Wie die Falten eines Rocks”, FR-online)

Ich wollte einfach mal sagen, dass das völlig normal rüberkam in den Schlagzeilen. So sollte das auch bei uns “Normalsterblichen” sein.

24. Februar 2011
Magische Zahl: 50 – Auf dem Weg zum Wesentlichen

Ich bin inzwischen überzeugt: rund um die 50 tut sich etwas, das zuvor so nicht geschah und später auch so nicht wiederkommt. In dieser Zeit verdichtet sich das Leben und bringt uns auf den Punkt. Für die einen bricht eine riesige Erschöpfung durch, ein “so-geht´s-nicht-mehr”. Wenn es gut läuft, nimmt man/frau sich die Zeit, das Leben unter die Lupe zu nehmen. Vielen bleibt nur die Generalpause einer Krankheit, eines Burnout. Es ist so schwer, sich heutzutage kleine oder größere Auszeiten zu nehmen. Eigentlich müsste ein Sabbatjahr für Menschen zwischen 45-55 Jahren gesetzlich verankert sein. Das würde vielleicht auch die Kosten im Gesundheitssystem reduzieren.

Nicht mehr der/die Alte,
mit einem Ruck aus dem Leben gefallen.
Wer bin ich
noch
wieder
morgen

Dann kenne ich einige Frauen, die kurz bevor sie 50 wurden in die Selbständigkeit gegangen sind. Plötzlich war sonnenklar, welche Gabe und Begabung sie haben und was den Kern ihres hierseins ausmacht. Sie wagen den Schritt aus der Sicherheit in ein selbstbestimmtes Leben: eine unglaubliche Kraft die mir da entgegenkommt.

Also ehrlich: mir macht das Lust, auf die 50 zuzugehen.

Und wie geht´s Ihnen mit dieser Magischen Zahl? Und was machen eigentlich die Männer, wenn sie 50 werden? Schreiben Sie mir!

21. Februar 2011
Else Natalie Warns – Ein anderer Umgang mit Demenz

Else Natalie Warns kam zur Eröffnung der Ausstellung ihres Mannes gerade von einem Bibliodrama-Workshop mit österreichischen Ordensbrüdern, die sich in einer 6-Wochen-Klausur auf ihre letzte Lebensphase vorbereiteten. Allein das wäre schon einen Text wert. Frau Warns ist selbst gerade 80 geworden. Mit den Männern ab 75 Jahren machte sie Körperarbeit, liess sie mit Ton, Papier und Farbe zu Psalm 30 arbeiten! Vielleicht ist man als Lehrbibliodramaleiterin und Theaterpädagogin besser vorbereitet auf die harten Seiten des Lebens. Sie begleitete ihren Mann Eberhard Warns über 17 Jahre in seiner Demenz. Mit allem was diese Krankheit zu bieten hat. Wie hat sie das geschafft? “Ich habe es einfach gemacht”, sagt sie, “es war halt so”. Dass sie wie viele andere Angehörige von Menschen mit Demenz dabei an und über ihre Grenzen ging, ist auch so. Dennoch: sie hatte und hat ein tragendes Netz der Familie, Freundinnen und Freunde, Arbeitskollegen des Mannes. Und – vielleicht der entscheidende Unterschied: sie ging und geht mit der Demenz offen um.
Für viele Angehörige ist es nicht nur irritierend, (weiterlesen …)

20. Februar 2011
another year-another life/ Älterwerden im Film

Mike Leighs (Regisseur von Secrets & Lies) neuer Film “Another Year” wird als stille Kommödie angekündigt. Das zu erkennen gelingt vielleicht nur, wenn man das britische Original hört. Der Film hinterlässt bei mir (statt der angekündigten Wärme) eine Kälte und jede Menge Fragen. Dann ist es vielleicht doch ein guter Film.  Ein älteres Ehepaar, Tom und Gerri, kurz vor dem Ruhestand, Gartenliebhaber, ein glückliches Paar, dem nur noch eins fehlt: die Schwiegertochter für die ersehnten Enkel. Ihr zufriedenes Leben ist die Folie, vor der wir mehrere gescheiterte Existenzen vorgeführt bekommen. Bis an die Schmerzgrenze: Mary, die eigentliche Hauptperson, um die 50, (weiterlesen …)

17. Februar 2011
Die Entdeckung des mir Eigenen – Interview mit Silvia Häfele, 51 Jahre

Ich kenne Silvia Häfele aus gemeinsamen Kursen in Playing Arts. Sie schreibt wundervolle Gedichte und der Keller als Ort der Inspiration hat es ihr angetan. Im Nachklang dieses Interviews schrieb sie mir: “ich fühle mich reich”. Ich danke ihr für ihre tiefen, ehrlichen Gedanken zum Älterwerden, Partnerschaft, Spiritualität, Kreativität und dem Sterben.

Silvia Häfele, 51 Jahre, seit 30 Jahren verheiratet und Mutter von drei Kindern 25/27/30.
Medizinisch technische Radiologie-Assistentin, halbtags berufstätig bei einem Orthopäden, Ausbildung Playing Arts Laboratorium und Langzeitprogramm in Gelnhausen, Ausbildung Healing Touch Praktikerin und nebenberufliche Tätigkeit. Hobbys hab ich auch: Singen in zwei Chören (Kirchenchor und Opernchor), lange Jahre Tanz, auch heute noch.

Ehrenamtlich seit ca. 8 Jahren in der Hospizgruppe Balingen tätig. In diesem Rahmen sind auch zwei Filme herausgegeben worden, die durch Playing Arts ausgelöst wurden („Der Tod macht stille Leute“, „Vom Gehen und Bleiben – Trauergespräche“)

Dein Lebensmotto ?
Vor einigen Jahren habe ich mir vorgenommen, im Alter eine weise Frau zu werden, (weiterlesen …)

13. Februar 2011
Psalm unter dem Tor (nach Psalm 139)

Eberhard Warns

(Resonanz auf Psalm 139 und die Bilder von Eberhard Warns, Pfarrer, Künstler innerhalb seines Lebens mit Demenz)

Von allen Seiten kommen sie,
die Gedanken wie Menschen – wo soll ich hingehen
wohin fliehen vor der Fülle
einer Welt, die ich nicht mehr verstehe
verstehst du mich?

Wo gehe ich hin,  wo geht’s hier hin wo geht’s hier lang wobinichdenn
Von allen Seiten umgibt mich
Etwas
Du?
Wer warst du? DU? Ich hab dich doch gespürt, als du den Bogen über mein Leben stelltest.
Von allen Seiten

Mein Verstand hat mich verlassen, ich kenne mich nicht mehr.
Aber du. Dein Buch. Du hast es nicht verlegt.
Ich bin darin eingegraben.

Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.
Ich danke dir für die Morgenröte. Sie streichelt meine Seele, wenn nur noch Farben mich erreichen.

Manchmal möchte ich tot sein, nicht mehr niedergedrückt, von dem was ich mal wusste und dem was andere von mir wollen.
Manchmal möchte ich das Tor durchschreiten,
den Lichtstrahl ergreifen, den du mir hinhältst.

Von allen Seiten du. Wie eine Schale, wie ein Schoß, du hältst deine Hand unter mir.

Annegret Zander

10. Februar 2011
„Ich will Freiheit beim Malen“ Eröffnungsrede zur Ausstellung der Gemälde von Eberhard Warns

"!Wut u. Mut!!", Eberhard Warns

„Ich will Freiheit beim Malen“ – Kunst trotz Demenz, Gemälde von Eberhard Warns

Inzwischen würde ich den Untertitel ändern in „Kunst und Demenz“. Ich würde gerne von dem Bild des Kampfes gegen eine Krankheit wegkommen und stattdessen den Blick auf die Möglichkeiten richten, die auch in einem Leben mit Demenz zu entdecken und zu entfalten sind.

Eberhard Warns 1927 geboren, war  Pfarrer in der Schülerarbeit, in der Gemeinde und zuletzt als Brüderpfarrer in Bethel u.v.m. Ein Jahr nach seiner Pensionierung gab es erste Anzeichen einer Demenz, die in den folgenden 17 Jahren immer weiter fortschritt.  Er verstarb im Jahr 2007.
Seine Frau Else Natalie Warns hat ihn in all diesen Jahren bis an die Grenzen ihrer Kraft begleitet. Ein Durchbruch in einer schlimmen Zeit etwa 4 Jahre vor seinem Tod geschah, als er eines Nachts aufwachte mit dem Ruf „Ich will Freiheit beim Malen!“. Sie besorgte ihm Pinsel, gute Farben und  großformatiges Papier, stellte ihm später auch eine Künstlerin (keine Kunsttherapeutin!) zur Seite und gab ihm dadurch die Möglichkeit seiner Freiheit Ausdruck zu geben.

In dem von ihr herausgegebenen Buch (E.N. Warns, Hg. „Ich will Freiheit beim Malen“. Kunst als autonome Kommunikation eines Menschen mit Demenz),  finden sich zahlreiche Dokumente, wie über diese Bilder wieder Kontakt möglich wurde. Eberhard bekam wieder Kontakt zu sich selbst, zu seiner Kraft. Ein Bild hat er selbst betitelt: „!Wut u. Mut !!“ Es ist anders in der Formsprache als die meisten anderen Werke. Mit großer Kraft ausgeführt, ein wilder, und zugleich konzentrierter Tanz. Es fasst für mich emotional zusammen, was in seinen Bildern zum Ausdruck kommt.
Wut ist eine starke Kraft, zuweilen wurde sie wild, gar gewalttätig.  All unsere Emotionen sind eine starke Kraft. Und vielleicht ist die Verlagerung in der Demenz vom Verstand auf die Gefühle ein Geschenk, das wir von dieser Krankheit empfangen können. Die Wut und all die anderen Gefühle konnten sich bei Eberhard Warns in Lebensmut verwandeln. Eine Botschaft, (weiterlesen …)

8. Februar 2011
Else Natalie Warns eröffnet Ausstellung “Ich will Freiheit beim Malen!”

Heute, Mittwoch, den 9. Februar um 19 Uhr eröffne ich gemeinsam mit Else Natalie Warns die Ausstellung der Bilder ihres Mannes Eberhard Warns.

Pfarrer Eberhard Warns erkrankte zu Beginn seines Ruhestandes an Demenz. In einer schwierigen Phase, als Sprache und vieles andere keine Ebene des Kontakts mehr waren, erwachte er eines nachts mit dem Ruf ” Ich will Freiheit beim Malen!”
Seine Frau gab ihm Pinsel, Farbe, Papier – und eine neue Möglichkeit, mit sich selbst und mit anderen in Kontakt zu treten. Die Bilder sind bis Aschermittwoch bei uns zu sehen. Ich gebe gerne Führungen durch die beeindruckenden Werke. Ich entdecke zurzeit, welche Geschenke auch in einer Demenz zu finden sind. Bald mehr. Else Natalie Warns berichtet aus ihren Erfahrungen mit ihrem Mann und den Bildern.

Geöffnet i.d.R. 9-16 Uhr (sonntags-15 Uhr), eintritt frei. Cappuccino gibt´s auch!

6. Februar 2011
Magische Zahlen: 70 – Grüße aus der Un-Endlichkeit

Kurz bevor ich Herrn F. (s. Magische Zahlen: 60) vom Bahnhof abholte, traf ich Frau W. Von ihrer Tochter wusste ich, dass sie gerade ihren 70.  gefeiert hatte, gratulierte ihr also fröhlich. Das Lächeln, das ich zur Antwort bekam, wirkte etwas gequält, das “Jetzt habe ich eine  7 davor!” hatte sein Ausrufezeichen nicht verdient und die Arme bogen die Zahl noch im Reden zurecht. Nun kann ich nicht im Selbstversuch nachvollziehen, wie das ist, 70 zu werden. (Ich habe im Selbstversuch Patientenverfügung, Betreuungsverfügung und meine Beerdigung geschrieben und mit den relevanten Personen besprochen). Also kann ich nur raten.
Wenn die 7 “davor” kommt, dann ist die Endlichkeit ein erhebliches Stück näher gerückt. Eine Bekannte kommentierte einen ihrer 70er Geburtstage mit “wieder ein Jahr weniger”. Dahinter steckte, glaube ich, die Sorge, das Wachsen der Enkel nicht lange genug sehen zu dürfen, all die Ideen unterzubringen, die sie noch hat. Sie gehört zu denen, die sich nicht unterkriegen lassen und mit Energie im Ehrenamt unterwegs sind.

Ja. Man müsste sich mal mit dem Testament und diversen Vollmachten beschäftigen. Man müsste mal mit dem Ehemann reden, wie es sein soll wenn Pflege nötig wird. Oder die Patientenverfügung mit den Kindern besprechen. Man müsste. Sich mit der Endlichkeit beschäftigen. Dass das ganz schön schwer fällt, habe ich hier ja schon einmal beschrieben (“Clubtreffen für alle, die Schiss haben über das Sterben zu reden”).

Könnte diese 70er Sache nicht auch schön sein? Eine meiner Verbündeten in Sachen Un-Endlichkeit, die Lehrbibliodramaleiterin Else Natalie Warns, wurde von einem Kloster engagiert, um mit den über 70- jährigen Brüdern die letzte Lebensphase spirituell vorzubereiten. Sie ist selbst 82, hat gerade das zweite Buch über die künstlerische Arbeit ihres an Demenz erkrankten Mannes herausgebracht und kommt demnächst zu uns in ebz zum Bibliodrama Atelier. Mit den Ordensmännern arbeitete und spielte sich sich eine Woche lang durch Psalm 30. Sie blickten zurück auf ihr Leben, auf all die Auseinandersetzungen, die sie mit ihrem Gott hatten und Haben, auf Fülle und Vergehen.
Mir hat es sofort eingeleuchtet, dass sich diese Männer insgesamt 6 Wochen auf ihren letzten Lebensabschnitt vorbereiten. Ich kann es nur immer wieder als Mantra wiederholen: es nimmt uns die Angst vor dem Vergehen und Sterben. Es stärkt uns mit Bildern, die uns auf den schönen und holprigen Wegen begleiten.

Und vielleicht geht es uns ja dann wie Frau M., die bei uns dieses Jahr Urlaub machte und strahlend sagte: “Ich bin 73 und ich es ging mir nie so gut wie jetzt. Ich finde es herrlich, in meinen 70ern zu sein.”

Was können Sie tun?

1. Zu unserem Bibliodrama-Atelier mit Else Natalie Warns, Christoph Riemer und mir am 17.-20.10.2012 kommen zur “Spurensuche Spiritualität”

2. Lesen, was ich über Psalm 30 geschrieben habe.

3. Ältere Männer und Frauen, die Sie toll finden ansprechen und herausfinden, wie die das so machen mit ihren 60/70/80/90…

6. Februar 2011
Alt? – Ich net.

Gell, Sie auch net. Oder?
Ein Mitglied der Kommission, die den 6. Altenbericht verfasst hat, schlägt vor, den Begriff “Alter” überhaupt abzuschaffen. So hörte ich  aus einem Workshop bei der Fachtagung “Strukturwandel des Alter(n)s” im Dezember in Heppenheim.(Ich hatte noch keine Zeit die 600 seiten des Berichts daraufhin zu durchforsten.)

Ja, wenn´s nach den meisten ginge, mit denen ich so spreche, dann wäre das wohl eine gute Idee. “Alter” abschaffen. “Ich bin noch nicht so alt”, sagt die über 80-jährige Mutter einer Freundin und geht deswegen nicht zum Seniorenkreis. Lachen Sie nicht. Wenn Sie 80 sind, werden Sie sich umgucken. Dann werden Sie nämlich auch keine Lust haben, sich Geschichten vorlesen zu lassen. Dann werden Sie wahrscheinlich wandern wollen oder mit Ihrem Freund skypen (sprich, sich beim Telefonieren von Laptop zu Laptop zulachen).  Nein, nein, jetzt nicht sagen, ach kommen Sie Frau Zander, wer will das denn. Warten Sie´s ab. Alt werden sie sich vielleicht fühlen, wenn sie die Treppen doch nicht mehr so schnell hochkommen, oder keine Lust mehr haben, die schlechten Nachrichten im Fernsehen weiterhin zu sehen. (Zugegeben. Dafür hat jedes Alter mal ne Schwäche…) Aber bis es so weit kommt, bleiben wir lieber jung. Beweglich. Aktiv, interessiert, engagiert, nachdenklich hier und da, informiert, mit der Welt und uns selbst verbunden. Gut aussehend natürlich auch.
Die gute Nachricht ist, dass ich solche Leute ständig im ebz und sonstwo treffe. Die sind dann in der Regel so um die 50, 60, 70, 80, hier und da auch um die 90. Also eher in der zweiten Lebenshälfte. Oder so. Aber auf keinen Fall Silverager, Best Ager, oder so ein Quatsch. Ne, ganz normale, hochinteressante Leute.
Bleibt nur eine Herausforderung: die Endlichkeit. Ja, die verschieb ich dann mal auf morgen…