Blog für die zweite Lebenshälfte

Blog für die zweite Lebenshälfte

Archiv für November, 2011

28. November 2011
Wie soll ich dich empfangen

Falls sie sich gefragt haben, wo ich stecke – schließlich hat der Advent doch jetzt angefangen…

Ich war in der ebz-Weihnachtswerkstatt für Großeltern, Eltern und Enkel: “Wir warten aufs Christkind”. Wir waren 8o Große, Mittlere und Kleine. Und es gab drei Elemente, die mich angerührt haben:

  • Das Lied “Wie soll ich dich empfangen” von Paul Gerhardt. Wir haben es ganz lange nur auf “lei, lei…” gesungen, als würden wir schon einmal die Wiege testen. Zur Gitarre. Dieses alte sperrige Lied summte sich in unsere Herzen.  Übrigens hat mir die Jazzsängerin Sarah Kaiser dieses Lied wieder näher gebracht. Hier können Sie es hören: http://www.youtube.com/watch?v=G6jYQ2qt69M
  • Meine Kollegin Rosemarie verlor die Stimme. Sie war zum Flüstern und Schweigen verdammt/befreit? So stimmte sie die leisen Töne an auf einer Veeh- Harfe, eine Art Tisch – Zither, unter deren Saiten man ein Blatt legt, das einem den Weg über die Saiten weist. Es ist für Menschen mit Behinderungen entwickelt worden. 80 unruhige Geister wurden still.
  • Wir haben einen eigenen Weihnachtsmarkt auf unserer Terasse aufgebaut. Ein besonderer Moment: Unsere Küchenleiterin Christa Freund machte gebrannte Mandeln und Erdnüsse auf einer Garküche. Die Kinder pulten die Nüsse, Frau Freund rührte Zucker, Wasser und Nüsse, der Zimt duftete, die Ergebnisse schmeckten himmlisch. Echtes Seelenfutter.

Und eine Erkenntnis: Wenn ich auf einen Gast warte, kann ich nicht still sitzen. Deshalb musste ich wohl gestern erst mal meine Wohnung schön machen. Das mache ich für Gäste immer so. Aber vielleicht kann ich diesen Gast nur still empfangen?

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn’ ich dir?
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seelen Zier!
O Jesu, Jesu, setze
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze,

Mir kund und wissend sei.

28. November 2011
Theatertipp: “Josef und Maria” von Turrini in Maintal

Eine Begegnung zweier älterer Menschen am Heiligen Abend: hier die Pressemitteilung – ich wünschte ich könnte hingehen. Vielleicht ja Sie?

Mit der Premiere am Freitag, den 2.12. und der zweiten Aufführung am 3.12., beide um 20.00 Uhr, zeigt das Bruchköbler theater kokomiko wieder mal ein kleines spannendes und humorvolles Zwei-Personen-Stück. Nach der “Offenen Zweierbeziehung” ist es diesmal das international renommierte Stück “Josef und Maria” von Peter Turrini in der Regie von Christoph Goy. Die beiden Protagonisten, gespielt von Andrea und Bernhard Funk, treffen sich am Heiligen Abend im Personalraum eines Kaufhauses. Sie putzt, er wacht. Sie tanzt, er erzählt. Sie kämpfen gemeinsam gegen das Vergessen, die Einsamkeit und das Aufgeben. „Herr Josef, Ihnen hat der Herrgott geschickt!“ „Es gibt keinen Herrgott, definitiv.“ Trotz unterschiedlicher Positionen finden sie zueinander. Trotz großer Enttäuschungen entdecken sie miteinander ihre Lebenslust. Trotz ihres Alters ihre Liebeslust. Trotz ihres Alters sind sie kindlich. Trotz ihres Alters beginnen sie Neues. Peter Turrinis Stück spielt geschickt mit Tragik und Komik, Romantik und Realismus. Lachend wischt man sich die Tränen aus den Augen. Nichts verpassen, denn das Stück schreitet forsch voran, trotz seiner romantischen Momente. “Dieses Jahrhundert, dass eigentlich ein Jahrtausend ist, neigt sich dem Ende zu. Und wir mit ihm. Kurz gesagt: bald sind wir hin und die Objektschutz GmbH kann uns kreuzweise! Prost, Herr Josef!”
Die Aufführungen finden im Evangelischen Gemeindehaus, Kilianstädter Str. 1a, 63477 Maintal-Wachenbuchen statt. Die Karten kosten 12,- bzw. 8.- € und beinhalten einen kleinen Beitrag zur Ausstattung des Neubaus des Gemeindehauses. Man erhält sie an der Abendkasse, unter www.theater-kokomiko.de/karten.htm oder unter der Telefonnummer des theater kokomiko 06181 / 52 00 375.

22. November 2011
Weichgespühlte Weihnacht? – Bitte nicht jetzt – und später auch nicht

In meinen Lieblingsläden gehts jetzt los. Dschingeling und Dreaming-of-a- wonderful-Weihnachtsdudel. Ich war kurz davor, den Marktleiter anzusprechen, ob man damit nicht doch noch ein paaaar Tage warten könne. Schließlich haben wir dieses Jahr besonders lang Advent.

Nun muss ich mich beruflich ja doch schon mal auf all dies einstellen. Doch dieses Jahr habe ich eigenlich nur Sehnsucht nach einer Kerze und viel Singen.  Am liebsten stille Lieder: “Wie soll ich dich empfangen…” Beim Blättern in den alten Gedichten und Liedern stelle ich wieder einmal fest: früher wars auch nicht besser.  Schmalz und Kitsch. “Süßer die Glocken nie klingen…”

Frau W. (87) hat heute geweint. Sie musste an die Kinder denken, die schon lange vor ihr starben. Und dass sie schon 30 Jahre allein ist. Sie versucht sonst nicht zu weinen. Aber heute passierte es. Und Frau W. und allen Frau W.s möchte ich den Kitsch ersparen. Bitte keine weichgespühlte Weihnacht, kein süßlicher Advent.

Ich fand ein Zitat von Fulbert Steffensky. Das wage ich hier in Auszügen zu zitieren: “Was ich über die Hoffnung sage, sage ich als alter Mensch. Ich weiß nicht, ob es allen Alten so geht, sicher aber vielen, dass sie nicht mehr in stimmigen und einleuchtenden theologischen Zusammenhängen reden; nicht weil der Verstand schwächer geworden ist, sondern weil einem das Leben (weiterlesen …)

21. November 2011
Portrait Dorothea Reiter, Lebens- und Sterbebegleiterin “Steine im Weg als wertvoll betrachten”

Ich habe Dorothea Reiter “zufällig” im Urlaub in der Nähe von Bad Tölz kennengelernt. Die Freundin, bei der ich wohnte, spielte mir ihre Hefte zu. Sie hatte – in Auseinandersetzung mit ihrem Glauben eigene Texte zu biblischen und theologischen Texten und Themen geschrieben. “Ja-Worte”, nennt sie das. Mich beeindruckten die einfachen und lebens-reichen Texte. Und bin überzeugt, dass andere dies genaus tun können. Ihren Glauben, ihre Hoffnungen in Worte zu fassen und daraus Kraft zu schöpfen. Dorothea Reiter begleitet Menschen im Leben und im Sterben mit eindrucksvoller Intuition. Sie ermutigt, der inneren Stimme zu glauben und zu folgen.
Sie hat auch ihre Erfahrungen als Sterbebegleiterin aufgeschrieben, um andere zu ermutigen, das Sterben auch mit seinen Geschenken zu sehen.
www.dorothea-reiter.de
“Jedem ein Licht anzünden”
Ich bin Dorothea Reiter 49 Jahre alt, römisch katholisch,  verheiratet und wir haben zwei wunderbare Kinder. Ich wohne in Großhartpenning und bin meinen Schwiegervater dankbar für unsere wunderbare Wohnlage. Diese Freiheit, der Sonnenaufgang, Mondaufgang, die vielen Tiere und so vieles mehr.

Dein Lebensmotto
Jedem ein Licht anzünden und ist es noch so klein.

Dein Lebensgefühl/ vielleicht gibt es ein Bild dafür?                                                  
Wie ein Baum zu sein, verwurzelt mit der Erde, standhaft egal was kommt, wachsen in meine tiefe, in die Breite und Fülle meines  Lebens und in die Höhe der Gefühle und Emotionen.  

 
 

 

In der zweiten Lebenshälfte geschieht viel in der ganzen Spanne zwischen Abschied und Neubeginn. Was bedeutet Älterwerden für Dich? Verändert sich etwas? Wie gehst du damit um?                                                                              
Wenn wir es genau betrachten, wächst jeder Mensch langsam in die verschiedenen Lebensabschnitte hinein. In die verschiedenen Lebenserfahrungen bin ich oft hineingeworfen worden.
Vieles von meiner Kind- und Jugendzeit habe ich getragen und ertragen müssen und zwar so lange, bis mir eine Freundin sagte: Du sollst Dich für alles was Du erleben durftest bedanken, alles was dir in den Weg gelegt wurde, war wichtig für Dich. Zuerst glaubte ich das nicht, doch ich faste den Mut und begann alles mit anderen Augen zu betrachten. Hätte ich eine bestimmte Situation nicht erlebt wäre ich nie (weiterlesen …)

21. November 2011
Unser kleines buntes Jahresprogramm 2012 ist der Knüller!

Hier können Sie unser Schmuckstück anschauen!
Ich konnte keine Flyer mehr sehen. Die ebz Flyer nicht und die von anderen flogen auch schnell in den Müll. Da kam Muse Nr.2 in mein Leben, die Gospelsängerin Njeri Weth, die Kuratorin der Stiftung Himmelsfels in Spangenberg ist. Ein Treffpunkt für internationale christliche Gruppen. Dort bekommt man ein DinA6 Heft, das wie ein europäischer Pass aufgemacht ist. Grandios! Ich war angesteckt – auch von ihrer Stimme übrigens. Seit sie bei uns das Gospelwochenende geleitet hat, singe ich aus vollerem Herzen.

Und Muse Nr.1 war und ist die Malerin Ilona Nolte. Plötzlich war klar: wir machen ein ganzes Heft knallvoll mit ihren bunten witzigen Bildern von alten Menschen. Und nun rasslen bei uns die Emails herein und ich bekomme spontane anrufe mit Gratulation zum Heft. Hach. Das macht Mut, denn nun entdecken ganz viele neue Leute auf diese Weise, dass das Älterwerden doch eine interessante Sache werden könnte…

Also: danke! Und ich habe schon den Nachdruck in Auftrag gegeben. Sie können wieder zusätzliche Exemplare bei uns bestellen.

20. November 2011
“Das Zeitliche segnen” – Was wir über das Sterben sagen

Es sind fast 50 Wörter, die ich als Synonym für “sterben” gefunden habe.

Heute, am Ewigkeitssonntag – oder Totensonntag – erinnern wir uns an unsere Verstorbenen. Und an unsere eigene Endlichkeit. In dem Film “Patch Adams” über den Erfinder der Clownsdoktoren gibt es eine Szene, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Adams (Robin Williams), verkleidet als Engel mit riesigen Flügeln und dickem Buch schreitet in das Zimmer eines Patienten, der an Krebs erkrankt ist. Keiner traut sich mehr dort hinein. Der Todkranke schmeißt vor lauter Wut über seinen Zustand alle hinaus. Da kommt er, der Todesengel und liest Synonyme für “sterben” vor. Der Patient beginnt zu grinsen und ergänzt die Liste. Das Eis ist gebrochen. Nun kann er über all das sprechen, was ihn bewegt.

Hier ist die Liste der Wörter, die ich gefunden habe. (Fehlt noch was?) Auch das Sterben ist vielfältig.

ableben, abgehen, abscheiden, abkratzen, die Augen für immer schließen, aus der Welt scheiden, abnippeln, sich davonmachen, (weiterlesen …)

18. November 2011
Was sage ich blos – nicht – bei einem Trauerfall?

Sie kennen das vielleicht. Ein Bekannter ist gestorben oder die Nachbarin. Vor lauter Unsicherheit traut man sich kaum, die Angehörigen anzusprechen. Dabei ist es für viele Trauernde eine zusätzlich leidvolle Erfahrung, wenn plötzlich alle einen großen Bogen um sie machen.

Trauen Sie sich: es tut gut über den Verlust sprechen zu können. Das Beste und Wichtigste, das Sie tun können ist ZUHÖREN. Sie brauchen gar nichts zu sagen, zu erklären, zu deuten. Aber Sie können mitfühlen.
Hier ein paar Sätze, die Sie weder am Grab noch bei einem Besuch sagen sollten – und ein paar gute Alternativen:

“Du must jetzt stark sein”
Ehrlich gesagt: es tut so gut, schwach sein zu dürfen. Es ist viel anstrengender, die Tränen, die Trauer, die Wut zurückzuhalten, als ihnen Raum zu geben. “Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig”, schreibt Paulus im Römerbrief. Die Stärke und Kraft in der Trauer liegt gerade im Ausdruck all der Gefühle und Gedanken.  “Stark sein” bedeutet im Allgemeinen all dies zu unterdrücken. Wie gesagt: kontraproduktiv.

“Wein dich richtig aus.”
Wer diesen Satz schon mal gesagt bekam, hat garantiert sofort aufgehört, weinen zu wollen. Es ist (weiterlesen …)

17. November 2011
„Der Schwarz“ – Wie Tante Lisbeth mit der Sterblichkeit umgeht

Die Autorin Brigitte Bee hat die Gabe auf engstem Raum das Leben auf den Punkt zu bringen. Die Haikus in diesem Blog sind von ihr. Zum Gedenken an ihre Tante Lisbeth schrieb sie Vignetten über eine Frau, die sich nicht unterkriegen ließ. Ich habe schweren Herzens eine Auswahl getroffen.
Das Kissen ist Teil meines fortlaufenden Stickprojekts “Paradekissen”.

Tante Lisbeth
Als Tante Lisbeth geboren wurde gab es weder Radio, noch Fernseher noch Telefon und Autos eigentlich auch noch nicht. Sie hatte auch ihr Leben lang kein eigenes Auto und auch kein Handy. Aber sie hatte eine Musiktruhe, in der man eine von 3-4 kleinen Schallplatten auflegen konnte, die dann spielten „Hör mein Lied Elisabeth, ….sing das Lied vom alten Schloss, in der alten Allee, …..Elisabeth“. Oder man konnte mit Tante Lisbeth einfach singen: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt….“ und wenn sie gut aufgelegt war, sagte sie dann, „kannst Du eigentlich Walzer tanzen“ und schon stand sie in Tanzposition und wir tanzten, sangen und lachten einen Wiener Walzer in Omas Küche.

Tante Lisbeth hatte ein Fahrrad, das sie als Fortbewegungsmittel nutzte bis sie fast 80 war, damit fuhr sie zur Kirche, auf den Acker, zum Supermarkt, früher Kaisers Kaffeegeschäft, dann Latscha, da hatte sie als junges Mädchen viele Jahre gearbeitet. Sie radelte zum Doktor, zum Friedhof, zur Singstunde, zur (weiterlesen …)

16. November 2011
Den Löffel abgeben – aber vorher: die Löffelliste

Es gibt unglaublich viele Wörter fürs Sterben. Bei einer Recherche habe ich bereits über 50 gefunden. Ich zögere noch, ob und wie ich Ihnen diese Liste präsentiere. Ein Bild greife ich schon mal heraus. “Den Löffel abgeben. “  Es gibt verschiedene Erklärungen, die – ich vermute das jetzt nur – bis ins Mittelalter zurückgehen könnten. Wenn jemand von Ihnen das weiter aufklären könnte, wäre ich dankbar!

Im bäuerlichen Leben, aber auch bei den Zisterziensern,  hatte jeder seinen eigenen Löffel, der anscheinend am Gürtel oder sonstwie am Leib getragen wurde. Wer verstarb, brauchte dieses Instrument zur Nahrungsaufnahme nicht mehr. Er oder sie gab den Löffel ab.

Die Löffelliste
Es gibt diesen wunderbaren Film über das Sterben und das Leben vor dem Tod mit Jack Nickolson und Morgan Freeman “Das Beste kommt zum Schluss” (orig. “The Bucketlist”). Auf einer Krebsstation treffen zwei Männer aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können. Der Klinikbesitzer und Milliardär Edward Cole, ein wunderbar widerlicher Mistkerl und der hochgebildete, schwarze Automechaniker Carter Chambers. Cole ist Opfer seiner eigenen Klinikpolitik. Chambers, schon länger erkrankt, beginnt eine “Löffelliste” mit Dingen, die er gerne vor seinem Tod noch tun und erleben möchte. Er verwirft die Liste. Das weckt Coles Neugier und so beginnt eine erstaunliche Reise, die die Männer und uns als ZuschauerInnen neu ins Leben bringt. Zum Weinen komisch, und herzzerreißend ermutigend.

Den Trailer zum Film finden Sie hier.

Und was steht auf Ihrer Löffelliste?

14. November 2011
Ich kauf mir meine Urne jetzt

Es gibt keinen Grund zu warten. Die Teile sind zu schön, um sie nur in der Erde zu versenken. Zum Beispiel den Preisträger des Bestattungs Awards 2011,  Das Herzlicht von Bettina Ulitzka, Hamburg. Bei Urnenbeisetzungen ist es immer wieder erschütternd zu sehen, wie wenig von uns Menschen übrig bleibt. Ein paar Handvoll Asche? Die Urnen, die preisgekrönt wurden fassen es tiefer. Was zurück bleibt ist die Essenz des Menschen. Die Künstlerinnen und Künstler haben das sehr individuell in Bilder gefasst. Liebe, Frieden, Morgengesang eines Vogels, eine tanzende Eva, Sonne, Sternenhimmel auf tragenden Händen. Es gibt Menschen, die sich schon lange vor ihrem Tod ihre Urne kaufen und sie in ihr Wohnzimmerregal stellen. Wie soll Ihre Urne aussehen?

Alle PreisträgerInnen hier