Blog für die zweite Lebenshälfte

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Archiv - "Religion/ Spiritualität"

8. Mai 2013
Frau Ludewigs Himmelfahrt

Thomas Hirsch-Hüffel ist Pastor im gottesdienst institut nordkirche. Er schrieb diesen wunderbaren Text, den ich hier veröffentlichen darf:

“Frau Ludewig ließ ihren Mann die Überweisungen für die Bank schreiben.
Sie ließ ihn steuern bei den Fahrten von Hamburg-Barmbek nach Grömitz zu ihrem kleinen Wohnwagen. Sie schaute mit ihm Lindenstrasse, auch wenn sie lieber im Garten im Hof gesessen hätte. Dafür schnitt er am Wochenende das Gemüse und brachte eine Flasche Sekt mit, damit sie beide ein bisschen feiern.
Manchmal träumte sie davon, ein Flugzeug selber zu steuern. Immer wieder startete sie erfolgreich im Traum, aber nach ein paar Kilometern landete sie im Vorgarten ihrer Eltern. Da großes Theater: Die Hecke kaputt! Wie kannst Du nur … . Immer wieder diese Szene nachts. Einmal hat sie Paul davon morgens erzählt. Er hat gegrunzt und gesagt: Na du willst ja hoch hinaus. Mach doch erstmal Führerschein, ich zahls auch. Hat sie nicht. Warum auch, er fuhr gern und sie fuhr mit.

Vor 2 Jahren hat sie ihren Mann nach 34 Jahren Ehe hergeben müssen.
Erst ging gar nichts mehr. Die beiden Söhne kamen oft, weil sie kaum essen wollte. Der Pastor sagte: Tragen sie doch eine Weile schwarz. So machte sie es. Und es tat ihr gut, Ihre Trauer zeigen zu können. Die Söhne schrieben die fälligen Überweisungen und bestellten ihr ein Taxi.

Eines Tages wachte sie auf, hörte die Vögel schimpfen, sah die leere und saubere Hälfte des Ehebettes an und schüttelte den Kopf. Sie (weiterlesen …)

2. Mai 2013
Im Ruhestand: was soll ich tun? Den “Sinn – Sinn” stärken

Das erste Jahr ist rum. Der Abstand von der Arbeit gewonnen. Und man ist unglücklich. Denn der Traum vom Nichtstun erweist sich als langweilig. Noch schlimmer: sinn-los. In dem Buch von Natalie Knapp, Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können, habe ich endlich eine Formulierung gefunden, die beschreibt, wie ich Sinn erlebe. “Sinn” wird in der Regel so verstanden, dass man ein bestimmtes Ziel verfolgt und erreicht (z.B. Erfolg in der Arbeit, Kinder großziehen, sichtbare Werte hinterlassen) Auch wenn man diese Ziele erreicht, bleibt oft ein Fragen und Sehnen zurück. Das geschieht mit 40 (s. hier: http://blog.ebz-bad-orb.de/2013/03/25/war%c2%b4s-das-midlife-crisis/ ) genauso wie mit Mitte 60. Es wird immer drängender, je mehr man auf die Möglichkeit zusteuert, dass man sein Leben nicht mehr mit Geschäftigkeit ausfüllen kann. Ich glaube, dass die Angst vor dem hohen Alter auch darin begründet liegt, dass man dann nichts mehr tun kann. Und dass dadurch das Leben keinen Sinn mehr haben könnte.

Was uns wirklich berührt

Frau Knapp erklärt, dass Sinn ursprünglich eigentlich “nicht Ziel oder Zweck sondern Richtung und Bewegung” bedeutet. Sie schreibt: “Wir finden diese Bedeutung noch im Wort `Uhrzeigersinn`. Ein Leben muss also keinen Zweck verfolgen, um sich `sinn-voll` anzufühlen, aber es muss in eine bestimmte Richtung unterwegs sein. Ob wir die richtige Richtung einschlagen, lässt sich an einfachen Zeichen ablesen: `Sinnvoll`ist, was uns wirklich berührt.” (S. 224)

Wie sieht Ihr Leben aus, wenn Sie es aus dieser Sicht heraus betrachten: Erfahrungen, Menschen, Erlebnisse, die mich wirklich berühren?

Woran merke ich überhaupt, dass mich etwas berührt? Frau Knapp fährt fort mit einem Kapitel über “Resonanz”. Ich erkläre es mal so: ein Saite an der Gitarre oder der Geige wird gezupft, gestrichen, und der Ton entsteht durch das Vibrieren des Instrumentenkörpers. Unser Körper als Resonanzkörper: wann schwingt Ihr Herz, wann der Geist, wann der Körper?

Und wenn Sie das herausgefunden haben, dann wäre der nächste Schritt, sich mehr solcher Gelegenheiten zur Resonanz zu schaffen. Und das kann jetzt je nach Person ganz unterschiedlich aussehen:

  •  endlich das Buch lesen,
  • Musizieren,
  •  Gesangsstunden nehmen,
  • Kindern beim Lesenlernen helfen,
  •  alte Menschen besuchen und ihre Geschichten hören,
  • die kleinen Gärten der Stadt mit anderen zusammen flott machen…
  •  mit jemand über den alten und den neuen Gott reden

Was berührt Sie wirklich? Tun Sie mehr davon: es stärkt Ihren “Sinn-Sinn”

 

 

28. März 2013
BROT & GRÜN

Mein Gründonnerstag – Abend. Ein Essen und Begegnen mit Freundinnen nach einer Woche des Abschieds. Brotsuppe, bestreut mit den einzeln gereichten Kräutern für Grüne Soße. Brot direkt aus der Pfanne (auf einer kleinen Kochplatte am Tisch), darauf zerfließt Butter, die Kräuter geben jedem Bissen eine eigene Note. Stangenselerie stippt in philippinische Salsa verde, Frankfurter Grüne Soße und Avocadocreme. Und dazu das Teilen von Erlebtem dieser Tage, den Toden, die wir begleitet hatten. Musik, die uns bewegt, Kunstimpulse, die uns beschäftigen.

 

Verbundenheit

Durch das Sterben hindurch
Über den Tod hinaus

Wir essen noch einmal von dem Brot
Es schmeckt himmlisch
noch süßer die alten Lieder
sie kühlen die Kehle
im Ringen um die letzten Worte

Und wir, die wir bleiben
haben den Geschmack auf der Zunge
nach Vitello Tonnato, nach Crème Brulée
nach frischem Brot
nach Leben

bis zum letzten Augenblick

(für HBB und ME)

Dieser Texte gehört auch zu diesem Artikel: http://blog.ebz-bad-orb.de/2013/03/28/befiehldudeinewege-alle-strophen/

 

 

28. März 2013
BefiehldudeineWege – Alle Strophen

Nun habe ich es zum zweiten Mal innerhalb einer Woche erlebt, dass Menschen, die kaum noch ein Wort zustande brachten, während eines Hausabendmahls plötzlich aus voller Kehle sangen. “Befiehl du deine Wege” alle Strophen auswendig. Zweite Stimme zum bekannten Lied. Und noch ein Lied hinterher.

Glücklich, wer ein Fundament hat, das so tief greift. Und selig sind, die mit den Todkranken und Schwachen singen. Und ja: bitte singen Sie mit ihren Enkeln und Nachbarskindern. Sie bauen mit, an der spirituellen Basisstation der nächsten Generationen.

21. März 2013
Auferstehung jetzt.

Buchbesprechung: Claudia Janssen, Endlich lebendig. Die Kraft der Auferstehung erfahren (Kreuz – Verlag)

Claudia Janssen saß in unserer Atelierküche. Und während wir zur Jahreslosung 2013 (s.u.) schnippelten und rührten, erzählte sie uns aus ihrem Buch, das sie gerade schrieb. Zwischen Schneidebrettern und zischenden Töpfen verstand ich endlich, wie die Bibel die Zeit versteht. Nicht wie ein ewiges Jagen auf dem Zeitstrahl von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern eher wie ein Haus mit vielen Zimmern. Wussten Sie, dass einer der hebräischen Gottesnamen “Ha Makom” “der Ort” bedeutet, der zugleich zeitliche, und räumliche Dimensionen umfasst und darüber hinaus eine Beziehung zwischen Gott und Menschen beschreibt?  Ich war damals schon völlig begeistert und bin es jetzt, wo ich das ganze Buch in Händen halte. Schon die ersten Seiten haben mich so inspiriert, dass ich viele Andachten, Gottesdienste und kreative Aktionen daraus entwickelt habe. Es ist ganz einfach: das griechische Wort “anhistemi” bedeutet im Griechischen “aufstehen”. Ob wir nun also von einem Stuhl oder von den Toten aufstehen, es ist dasselbe Wort. Claudia Janssen öffnet den Blick und das Erleben für die enge Verbindung der Auferstehung Jesu mit dem auf(er)stehen in unserem Alltag.

Sie tut das vielschichtig. Schon beim ersten Blättern blieb ich an den Gedichten hängen, die sie für ihre Kapitel auswählte. Weil die Auferstehung nichts ist, das irgendwer (auch Paulus nicht!) eindeutig beschreiben könnte, wählt sie wie Paulus poetische und erzählende Formen. Allein schon die Gedichte sind (weiterlesen …)

23. Januar 2013
Neue Spur

Der Alltag stürzt wieder auf uns ein – und man hat den Eindruck, einen Urlaub oder eine Weihnachtspause hätte es nie gegeben. Geht Ihnen das auch so? Dabei wäre nun die Zeit, das Neue zu träumen. Das Zukünftige zu suchen. Oder es auf uns zukommen zu lassen.

Der Schnee hat die Bremse gezogen, den Trott durcheinander gebracht. Viele hatten ungeplant/ unfreiwillig plötzlich Zeit, weil sie gar nicht aus dem Haus kamen. Nun spielte mir eine Freundin  dieses Gedicht zu:

Die Zukunft liegt vor Dir,
wie Pfade bedeckt von
makellos weißem Schnee.

Sei vorsichtig, wie Du
Sie betrittst.

Mit jedem Schritt
wird sie sich zeigen.

(William Faulkner)

Ich muss los, einen ersten vorsichtigen Fuß Richtung Zukunft setzen. Ich werde langsam machen.

7. Januar 2013
Die Jahreslosung im Kochtopf

In einer kleinen Gruppe kochen wir zur Jahreslosung 2013.

“Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebr 13,14)

Wie schmeckt Heimat? Wie Kartoffelbrei. Wie Milchreis mit Zimt und Zucker. Wie Spagetti. Wie Kochkäse. Wie… Wir entscheiden uns für die erdverbundene Kartoffel. Als Pellkartoffel, Kartoffelbrei und ja! als Chips (zweimal frittieren, dann wird es knusprig). Dazu suchen wir Wildkräuter am Wegesrand: beim Sammeln in den Mund gesteckt,  im Bierteig ausgebacken, direkt aus der Pfanne gekostet. In einem Pesto und als Kräuterbutter in Verbindung mit der Kartoffel gebracht. Beim Sammeln und Kochen sprechen wir über Heimat. Die fremde Heimat Kirche, die Suche nach den Orten, an denen wir uns mit Gott und einander verbunden fühlen. Wir sprechen über die Wortspeisen, die uns nähren, Rituale die sättigen. So wird die Küche zur Kapelle auf dem Weg.

Welche Speise stärkt Sie auf dem Weg in die Zukunft?

Das Bild hat Ilona Nolte gemalt. Es ist Teil der nächsten Ausstellung, die am 14.2. bei uns im ebz eröffentlich wird. Mehr Informationen finden Sie hier.

1. Januar 2013
“One minute homes”

“Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,

sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebr 13,14)

Noch nie hat mich eine Jahreslosung so wörtlich betroffen wie diese. Und wissen Sie was? WIR werden “die zukünftige” gemeinsam finden und gestalten.

Als ein Spiel zur Jahreslosung haben wir aus Spießchen und Papieren, die man in der Küche und im Büro findet, kleine Kurzunterkünfte gebastelt. Die Idee ist von Erwin Wurms Konzept der “One Minute Sculptures” abgeleitet, also Skulpturen, die z.B. aus Kleidungsstücken und Menschen nur für einen kurzen Moment entstehen.

Für den Übergang probieren wir neue Behausungen/ Bleiben/ Unterschlüpfe/ Hütten und Zelte aus. Warum nicht. Vielleicht ist das eine gute Möglichkeit.

31. Dezember 2012
Die Uhr anhalten

Liebe Leserinnen und Leser,
ich arbeite gerade auf Hochtouren in unserer Silvesterfreizeit. Drum bekommen Sie heute ungekürzt und unangepasst, was ich nachher im Silvestergottesdienst sagen werde. Kommen Sie gut ins neue Jahr! Vielen Dank für Ihre Treue, Ihre Rückmeldungen auf den Blog – und ich freue mich auf mehr im neuen Jahr!

Herzliche Grüße Ihre Annegret Zander

Ticktickticktick…Diese alte Uhr hier stammt aus dem Pfarrhaus meines Urgroßvaters. Vielleicht haben Sie zu Hause ein ähnliches Exemplar stehen oder eine von den Uhren, die auf den Anrichten standen mit goldenem Zifferblatt und vollem Klang zur  halben und vollen Stunde.

Diese hier läuft immer noch genau. Sie tickt unermüdlich und lautstark, solange man nicht vergisst sie aufzuziehen.

Ich kann tickende Uhren ehrlich gesagt in meiner Umgebung nicht so gut leiden. Ob am Handgelenk oder an der Küchenwand: sie machen mich wahnsinnig. Als würde das Ticken mich antreiben und niemals zur Ruhe kommen lassen.

Das war früher, als ich ein Kind war anders. Wir hatten im Wohnzimmer eine Uhr mit Pendel.  Und ich liebte es, das Hin-und Herschwingen zu beobachten. Damals war Zeit für mich sowieso eher ein Schwingen, glaube ich, ein Rhythmus, in dem ich vertrauensvoll und selbstverständlich mitging, mitschwang. Heute scheint die Zeit mich zu treiben, scheint immer schneller zu rennen. Gerade alte Menschen bestätigen mir, dass die Zeit immer schneller vergeht. Selbst bei denen, deren Tage nicht mehr randvoll sind mit Dingen, die zu tun sind. An meinem Handgelenk trage ich stille Uhren. Natürlich zeigen auch sie den Weitergang der Zeit an, aber sie halten es mir nicht andauernd erbarmungslos vor die Ohren.

Als Kind fand ich es irritierend, wenn das Pendel einmal nicht mehr schwang. Dann hatte mein Vater oder meine Mutter vergessen, die Uhr an den Ketten wieder aufzuziehen. Die Stille fiel auf. Die angehaltene Zeit war irgendwie nicht richtig. Heutzutage denke ich manchmal: ach, könnte nicht mal einer die Uhr anhalten.  Kennen Sie das?

Es sind die stillen Momente, wo alles getan ist, eine Kerze brennt und nichts und niemand mehr etwas von mir will.

Es sind diese Momente von Glück, oft haben sie mit Kindern zu tun, mit schönen beglückenden Begegnungen an besonderen Orten.

Welche Momente erinnern Sie aus diesem Jahr, an denen Sie gerne die Zeit angehalten hätten, Glücksmomente, Frohes, Gelungenes?

Wir nehmen uns Zeit, um uns zu erinnern.

Lassen Sie uns etwas tun, was man sonst nicht in der Kirche tut: lassen Sie uns teilen, was uns in diesem Jahr glücklich gemacht hat:

Sagen Sie es mit ein zwei Worten in unsere Mitte hinein. Sie brauchen es nicht zu erklären, nur zu benennen. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

 

Das Glück des Anfangs,

das Glück der Gemeinschaft,

die Zufriedenheit eines gelungenen Abschieds.

Wir können diese Momente nicht festhalten, aber wir tragen sie in uns. Wir wärmen jetzt damit unser Herz, indem wir es teilen, weben wir ein Netz, das uns weiter trägt, als wenn wir  alleine durch die Welt gehen.

Ich habe in diesem Jahr etwas gelernt, das mich bei allem, was schlimm war, getragen hat: dort wo wir unsere Gedanken und unsere Erfahrungen teilen, entsteht ein Netz von Menschen, die sich gegenseitig tragen.

Das ist mein Ausblick und Wunsch für das Neue Jahr, dass wir aus unseren Zeitwinkeln und Zeitzwängen heraustreten und noch mehr daran  wirken, uns miteinander zu verbinden: Kirche und Kommune, BürgerInnen und PolitikerInnen, Alte und Junge, Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Glaubens. Für uns alle tickt dieselbe Zeit, wir alle leben in derselben Welt. Und wir alle können unseren kleinen Teil dazu beitragen, die Zeit auf dieser Erde für alle etwas besser zu gestalten. Mit unseren je eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten können wir die Zeit segensreich füllen.

 

Und noch ein anderer Gedanke verbindet sich damit. Ja, die Zeit rennt, sie rennt uns davon, je älter wir werden. Wir werden manches nicht zu Ende bringen. Aber manches wird bleiben, so wie diese alte Uhr immer noch tickt. Und manches wird jemand anders aufgreifen und weiterführen. Jemand aus diesem Netz, in dem wir alle verbunden sind.

„Meine Zeit steht in deinen Händen“ heißt es in Psalm 30. Unser Netz hat einen doppelten Boden. Wir sind gehalten in der Zeit.

Die Zeit schreitet fort. Möge Gott unsere Zeiten segnen

 

Lied: 560 Es kommt die Zeit

 

 

Guter Gott,

in deine Hände legen wir dieses Jahr zurück.

Uns bewegen Dankbarkeit und Traurigkeit,

Enttäuschung und Wut,

Freude und Mut.

 

Wir sammeln in unseren Händen

Was uns misslang und wo wir andern etwas schuldig blieben, was schwer war und schwierig

Hilf uns, dies anzunehmen

und neue andere Wege im Neuen Jahr zu versuchen.

Wir legen es ab und bitten dich Gott,

 wandle es in Segen

 

 

Wir sammeln in unseren Händen

und feiern, was gelungen ist.

Was in diesem Jahr schön war, und uns froh machte.

Wir danken für den Segen, den wir auf vielfältige und unerwartete Weise erhalten haben.

Wir nehmen es zu uns und danken dir Gott

 

12. Dezember 2012
Wo bleibst du Trost?

Dieses Jahr wird es ernst. Das Haus, das ich leite, wird geschlossen. Für viele geht ein Rückzugsort, eine Kraftquelle, ein Ort der Inspiration, eine Heimat verloren. Der Abschiedsmarathon hat begonnen. 25 Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. 25 Familien haben keine fröhlichen Weihnachten vor sich.

Und bei Ihnen?
Weihnachten wird es immer. Gnadenlos. Ob wir in guter Verfassung sind oder in schlechter. Ob das Jahr gelungen ist oder uns leer und ausgelaugt ausspuckt.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm tröst uns hier im Jammersaal.

(Friedrich Spee, vierte Strophe des Adventsliedes “O Heiland, reiß die Himmel auf”)

Eigentlich hätte ich eine Weihnachtsfeier organisieren sollen – so wie jedes Jahr. Aber dieses Jahr geht das nicht. Jedes Geschenk, das ich in die Hand nahm und betrachtete, schlug mir die Härte dieser Tage nur noch heftiger um die Ohren. Trauernde kennen das sicher und all die, die Trauernden gerne etwas Gutes tun würden.

Aber etwas ist schon geschehen.

  • Wir haben trotzdem das Haus geschmückt. Mit Tannengrün und roten Äpfeln. Schlicht und warm. Eine Liebeserklärung an ein Haus, an die Menschen, die uns besuchen, eine Wohltat für unser Herz.
  • Wir haben trotzdem Plätzchen gebacken – in unserer großen Küche und in der Atelierküche mit den Kindern der  Weihnachtswerkstatt am ersten Adventswochenende. Die Hände taten etwas Gleichmäßiges, Schönes, Befriedigendes. Es hat geduftet – und die großen und kleinen Menschen haben geleuchtet.
  • Wir haben trotzdem gesungen. Mit Tränen in der Stimme bis die Seele etwas Ruhe fand.

Wir haben das gemeinsam getan. Die adventlichen Rituale, die manches Jahr zur Pflicht verkommen, haben uns getragen.

Was ist Trost?
Jemand schiebt mir wieder den Boden unter die Füße mit einem “Komm, ich koch erst mal Kaffee.”
Jemand sagt “Erzähl mal” und hört mir zu, ohne mich zu unterbrechen, ohne Worte der Vertröstung.
Jemand fragt “Was würde dich jetzt stärken?” und kocht mir außerdem eine gute Suppe.

Und was ist mit dem “Trost der ganzen Welt”?
In einem Jahr, in dem ich die Machtlosigkeit persönlich kennen gelernt habe, kommt mir diese Geschichte von dem Säugling in der Krippe, der die Welt retten soll, noch merkwürdiger vor als sonst. Man könnte es fast als Witz bezeichnen. Die BILD titelt  ”Baby rettet Welt”. Ja, klar.

Aber in Wirklichkeit ist diese Sache subversiv, irritierend und bringt den Weltablauf ins Stolpern. Ein König wurde erwartet, ein Kind ist gekommen. Gott macht das nämlich anders als die üblichen Mächtigen. Und so wird es machbar. Die Welt verändert sich im Kleinen. Und wir uns mit dem Kind im Arm.

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